Alte Welt

Alte Welt

Es beginnt im Radio: „Wie viel von deinen Eltern steckt in dir?“
Auf Zeit Online klagt Anita Blasberg unterdessen über die übermächtige und allgegenwärtige Generation der Babyboomer: „Die schon wieder!“.
Wenige Stunden später stelle ich die Füße unter den Tisch meiner Schwiegereltern und lasse mir in leicht resigniertem Tonfall die Welt erklären. Eine beeindruckend vermessene Welt, die über ihr eigenes Ableben hinaus in unseren Köpfen mit unverminderter Lautstärke den Ton bestimmt. Eine gescheiterte Welt, die uns keine Orientierung geben kann, die aber weiterhin verbindliche Maßstäbe setzt.

Es ist eine selbstbewusste Welt, der sich von mir nichts entgegensetzen lässt. Denn das konzeptlose, widersinnige und identitätslose Etwas, an dem wir „Kinder an die Vierzig“ zumeist haarscharf vorbei leben, ist ja keine Alternative. Es ist bestenfalls ein Provisorium, eine Entschuldigung dafür, dass es bei uns nicht so läuft wie von unseren Eltern erwartet.

Vor 13 Jahren beschrieb uns Florian Illies als „Generation Golf“. Nüchtern betrachtet lässt sich seit dem keine wirklich überwältigende Entwicklung verzeichnen. Popkultur, Retro-Trends, Nostalgie und Infantilität sind noch immer unsere bestimmenden Themen.

Dennoch kann man uns nicht vorwerfen, dass wir nicht hart an uns gearbeitet hätten. Das allgegenwärtige Gefühl irgendwie falsch und ungenügend zu sein hat uns von Ausbildung zu Ausbildung, von Therapie zu Therapie getrieben. Selbst wenn wir plötzlich und unvorhersehbar erfogreich waren, blieben wir latente Versager, weil uns das Glück zumeist überfallartig in den Schoß fiel und keine Planungssicherheit bieten konnte.

Mittlerweile sind einige von uns trotz allem selbst Eltern geworden. Da kann und will ich gar nicht mitreden, weil ich mir diesen Schritt selbst nie zugetraut habe. Also frage ich lediglich kleinlaut – in die Runde oder nur mich selbst – woher sie die wohl nehmen, die Selbstsicherheit eigene Kinder zu bekommen. Und ich lerne, dass es wohl auch ohne geht. Denn ein kleiner (gewiss nicht repräsentativer!) Teil der aktuell amtierenden Eltern versteht sich selbst gar nicht als Vormund sondern vielmehr als Begleitschutz und Hilfstrainer ihrer Kinder. Er versucht gewissenhaft und oft genug verzweifelt Bedingungen zu schaffen, unter denen es dem Hochleistungsnachwuchs gelingen könnte, dem permanent wachsenden Druck standzuhalten, um in der Welt seiner Großeltern zu bestehen. In dieser längst vergangenen Welt also, der wir uns sich selbst noch immer nicht nicht gewachsen fühlen.

Ich erfahre bei dieser Gelegenheit von der elterlichen Angst vor dem vernichtenden Urteil der Hebammen, der Früherzieher, Reformpädagogen, Kinderärzte, Therapeuten und all derer, die es besser wissen, können, können würden oder behaupten gemacht haben. Und ich verstehe das. So würde es mir gewiss auch gehen. Nein, genau so geht es mir – auf dem Hundeübungsplatz, wenn sich die sonst so friedliebenden Rudeltiere plötzlich in zähnefletschende Rüpel und Angstbeißer verwandeln. Nicht nur die Hunde – auch das pflicht- wie schuldbewusste Begleitpersonal.

Also nehme ich mir wieder einmal vor, endlich erwachsen zu werden. Und damit meine ich nicht „doch mal Verantwortung zu übernehmen“, denn die habe ich schon. Sie wurde uns allen bereits in die Wiege gelegt. Mit der sind wir aufgewachsen. Wir sind die Generation, die Schuljahr für Schuljahr von der Frage erzogen wurden, was wir zwischen ’33 und ’45 getan hätten. Erst lernten wir, was wir antworten sollten, und schließlich, dass es keine Antwort gab. Was blieb, war berechtigte Verunsicherung und eine Verantwortung, die sich nicht stemmen lässt.

Es geht mir vielmehr darum, neben Schuld und Verantwortung auch die Deutungshoheit über unsere Gegenwart einzufordern. Auch wenn wir sie nicht erklären können. Auch wenn sie sich nicht an die Regeln hält, die wir übernommen und schulterzuckend unterschrieben haben. Auch wenn sie ungeachtet aller Mühen nur Stückwerk mit pessimistischer Grundhaltung bleibt.

Trotz allem berechtigten Zynismus: Machen auch wir unsere Welt zur besten aller möglichen Welten. Vielleicht verstehen wir nicht viel von Utopien, aber mit der Begrenztheit des Möglichen kennen wir uns aus. Und vielleicht ist dieser Ansatz gar nicht mal der schlechteste, um ihr genüge zu tun: Der gegenwärtigen Welt.

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