Fremde oder Freunde

Fremde oder Freunde

Foto: Soeren Heuer

Gestern kamen Gäste. Das ist immer ein bisschen aufregend für mich, weil es eher selten passiert. Wir sind hier auch nicht auf Gäste eingestellt. Wer unser Zuhause betritt, steht bereits mitten in der Küche. Es gibt keinen Flur, kein Gästezimmer, kein Gästeklo, keine gute Stube und nur zwei Türen im ganzen Haus. Jeder Quadratmeter ist sozusagen freigegebene Nutzfläche. Je nachdem, von wo man blickt, ist nichts oder alles privat. Das mag nicht jeder.

Auch Hund und Katzen sind „Gäste“ nicht gewöhnt. Sie kennen nur „Freunde, die zu Besuch kommen,“ und benehmen sich diesen Vorgaben entsprechend. Ihre Freude ist also überschwänglich und Zurückhaltung nicht vorgesehen. Ungefragt werden Menschen beschnurrt, beschmust, behaart und konsequent in Besitz genommen. „Benehmt Euch einfach wie zu Hause“ ist somit keine höfliche Redewendung, sondern weist auf die einzige Möglichkeit hin, sich bei uns wohl und nicht völlig deplatziert zu fühlen.

Das gelingt nicht immer. Gestern passte es. Wunderbar. Dem gemütlich plaudernden Nachmittag folgte ein geselliger Abend – kein Grund also einen Blogbeitrag zu schreiben. Wenn mir dabei nicht eine Metapher vor die Füße gefallen wäre, die mich nun beschäftigt und in Frage stellt:

Da unser Esstisch multifunktional in meinem Büro steht, ergab es sich, dass wir irgendwann auch über die Arbeit sprachen. Vom Sinn und Unsinn kalibrierter Bildschirme kamen wir auf Farbräume, Farbtemperaturen und landeten so beim Weißabgleich. Bei einer Technik also, mit der besondere Lichtverhältnisse beim Aufnehmen eines Bildes ins Verhältnis gesetzt werden zu dem als Norm definierten mittäglichen Tageslicht. (Hier ausführlicher und wahrscheinlich auch verständlicher beschrieben).

Der Weißabgleich imitiert also, was unser menschliches Sehen ganz von selbst leistet: die Berücksichtigung besonderer Gegebenheiten. Wir geben dem, was unsere Sinne wahrnehmen, einen Rahmen und setzen es in eine angemessene Verhältnismäßigkeit. Wir definieren einen Weiß- und einen Schwarzpunkt und bestimmen damit die Grenzen dessen, was wir erwarten können.

Als ich im Bett lag, dachte ich, dass es doch genau das ist, was Gäste zu Freunden macht: Der Weißabgleich. Statt die idealen Maßstäbe der Konvention anzulegen, wird nach einem Weißpunkt gesucht, der Orientierung gibt und ins Verhältnis setzt, was unter anderen Umständen in ganz anderem Licht erscheinen würde.

In den letzten Jahrzehnten habe ich mich daran gewöhnen dürfen, von Freunden betrachtet zu werden. Dafür bin ich unendlich dankbar. Doch hat es mich auch bequem gemacht. Es hat mich vergessen lassen, dass „mein Weiß“ ganz und gar nicht weiß ist. Es hat mich vergessen lassen, dass man sich im Umgang mit mir die Wärme oft „dazudenken“ und über harte Kontraste hinwegsehen muss. Es hat mich vergessen lassen, dass viele Farben einfach ganz fehlen, weil sie jenseits meines Spektrums liegen. Es hat mich vergessen lassen, dass die Geborgenheit in langjährigen Freundschaften eine Komfortzone ist, die mit der Sicht anderer, mir fremder Menschen, wenig gemein hat. Ein wundervolles Geschenk – sicher – aber eben auch eine Komfortzone.

Neue, fremde Blicke und Begegnungen sind da sehr viel ungemütlicher, irritierender, verstörender – aber eben auch eine Herausforderung und eine Chance der Mittagssonne ein paar Wellenlängen näher zu kommen. Ich sollte mich ihr öfter stellen.

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