Maß der Gefühle

Maß der Gefühle

Foto: „Auch ein Sattel hat Gefühle“ von mkorsakov.

Es heißt, dass sich Hunde und ihre Bezugspersonen einander angleichen. In gewisser Weise mag ich das bestätigen. Allerdings muss ich auch zugeben, dass Frau Hund und ich uns in einem Wesenszug schon ähnlich waren, als wir aufeinander trafen: Hartnäckigkeit. Da sind wir ziemlich talentiert und lassen uns nix vormachen. Stur können wir.

Die letzte Woche bot  viele Trainingsgelegenheiten: Geduldsproben aller Art, bei denen wir drinnen ausharren oder draußen warten mussten. Während Frau Hund seufzend formvollendete Löcher in die Luft starrte, durchforstete ich einen öffentlichen Bücherschrank, stieß auf ein Buch über hochsensible Personen und begann zu lesen.

Einleitend beschrieb die Autorin sich selbst (hochsensibel) im Gegensatz zu ihrem Mann (vergleichsweise also eher unsensibel). Natürlich konnte ich dem Impuls nicht widersterstehen, unsere Familie sofort auf dieser neuen Folie zu begutachten und in die frisch getischlerten Schubladen zu sortieren.

Zu zweifellos eindeutigen küchenpsychologischen Ergebnissen gelangte ich bei den Katzen: Der stattliche Kater ist äußerst zart besaitet und die feingliedrige Katze so ignorant, dass Marie Antoinette ihr das Wasser nicht hätte reichen können. Bei Hund, Mann und mir sind die im Buch beschrieben Reaktionsweisen und Eigenschaften hingegen munter verteilt und äußerst situationsabhängig. Wir sind also allesamt manchmal Klotz, mal Wickinger und bisweilen Mimose.

Nun soll es hier aber nicht um Hochsensibiltät gehen, sondern ganz allgemein um den alltäglichen, unpathologischen Umgang mit unseren Empfindsamkeiten, Sensibilitäten, Reflexen und Emotionen. Genauer gesagt um die Objektivierbarkeit all dieser subjektiven Phänomene.

Ein kluges Sprichwort sagt, dass Menschen einander nicht in die Köpfe sehen können. Ich möchte ergänzen, dass wir auch in fremden Gefühlswelten keine Relationen erkennen können. Es gibt kein objektives Maß der Gefühle. Keine Referenz. Vielleicht lassen sich Körperreaktionen messen, Schmerzgrenzen bestimmen und sensitive Fähigkeiten testen. Doch was können solche Werte über die Bedeutung aussagen, die eine Person dem eigenen Erleben beimisst?

Wenn ich etwas wirklich will, kann ich vieles ausblenden, was mir an entspannten Tagen unerträglich wäre. Fehlt meine Mitte, kann mich ein Mückenstich zur Verzweiflung bringen. Fehlt es an Schlaf, verlieren meine Gefühle die Verbindung zur Außenwelt und klingen dumpf. Fehlt es an Liebe, verunsichert mich ein einziger schiefer Blick. Erkennt man große Gefühle an spektakulären Ausbrüchen oder jahrzehntelangem Festhalten? Trauen wir auch geschwätzigen Menschen tiefe Gefühle zu? Können auch harte Schalen unsensible Kerne haben?

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