Mein Bonn

Mein Bonn

Ich stamme aus einer ehemaligen EXPO-Stadt. Dort ist man sehr darum bemüht, mehr zu sein als das verwaiste Messegelände. Schließlich hat man auch viel Grün (um nicht zu sagen sehr viel Grün), tolle Museen, einen botanischen Garten, Altstadt-Kneipen, eine Oper, die Universität und beruhigend wenig Kriminalität. Ideale Bedingungen also, um sesshaft zu werden und gutbürgerliche Familien zu gründen. Es sollte deshalb nicht verwundern, dass ich mich sofort heimisch fühlte, als die ehemalige Bundeshauptstadt und ich uns zum ersten Mal begegneten:

Bei diesem ersten Mal unterschätzte ich die Größe Bonns. Frisch eingetroffen erschlenderte ich die Poppelsdorfer Allee und verpasste meinen Bus. Es war ein milder, sonniger Herbsttag; dieses Bonn war wunderhübsch und raschelte einladend. Mein Ziel war der Venusberg, und in der Annahme, Bonn ließe sich in ein paar Stunden durchqueren, beschloss ich zu Fuß zu gehen. Unzählige Schritte später wusste ich: Bonn ist weitläufiger als man gemeinhin annimmt, hat weniger Taxis als man braucht, und keine Kioske. Noch nicht einmal Büdchen, Trinkhallen oder Tabakläden. Also zog ich erst nach Bonn, nachdem ich das Rauchen aufgegeben hatte.

„Ich wohne jetzt in Bonn.“
„WARUM?“
„Ich mag das Rheinufer.“
„Hat Köln auch.“
„Aber in Bonn sind da noch Sitzplätze frei.“

Dieser Wortwechsel ließ sich auf alles übertragen, was ich damals zum Leben brauchte: Hörsäle, Cafés, ÖPNV, Bibliotheken und – Sie ahnen es – den botanischen Garten. In Bonn findet sich quasi alles, was es auch in Köln oder anderswo gibt – aber man kann sich zwischendurch hinsetzen. Das kommt mir sehr entgegen.

Nun wohnte ich also in Bonn, und das ausgesprochen zentral. Nachbarn, die etwas auf sich hielten, sagten „Musikerviertel“ zu unserer Gegend. Ich bevorzugte die Formulierung „zwischen Obdachlosen-Asyl und Bonner Loch – da wo nachts der Güterverkehr durch die Gründerzeitfassaden rollt.“ Und tatsächlich liebe ich Bonn genau dafür: Diese Stadt lässt – wenn auch unfreiwillig und heftig umstritten – das Scheitern in ihrem Innersten zu, schaut nicht weg, scheucht nicht weg, sondern ermöglicht auf kleinstem Raum eine beeindruckend gelassene Koexistenz sozialer Milieus, die sich in anderen deutschen Städten nur medial begegnen. Einträchtig schlendern uniformierte Paare über den Bahnhofsvorplatz. Das ist GABI, die gemeinsame Anlaufstelle von Polizei und Ordnungsamt. Dazwischen Wanderprediger, Aktivisten, Touristen und natürlich Bonner.

Bonn begrüßt und bewirtet seine Gäste rechts mit McDonalds und links mit dem CassiusGarten, einem Platzhirschen unter den vegetarischen Vollwertrestaurants. Zwischen ihnen das Bonner Loch: seit dem Alkoholverbot 2008 nicht mehr der Lebensmittelpunkt sondern die „gute Stube“ derer, die vorwiegend auf der Straße leben, und Pausenraum der Bahnfahrer und SWB-Kontrolleure.

Genau hier wurde 2009 der „Klanggrund“ ins Leben gerufen. Eine Initiative, die Bonner Hochkultur von ihrem altersschwachen Ross steigen ließ und auf die Straße brachte. Es ist das Wahrzeichen für „mein Bonn“, ein Ort, dessen Würde mein Herz höher schlagen lässt:


Link zum Paraden-Ursprung auf Curry and Culture

Foto: spaztacular

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