Romantik!

Romantik!

Vor ziemlich vielen Jahren habe ich in einem Seminar zur „Liebe als literarisches Motiv“ ein Referat über Niklas Luhman gehalten. Ich war ein bisschen spät dran, Herr Luhmann war als Thema noch frei und im Vordergrund stand motivierend meine Erleichterung, dass die Leiden den jungen Werther gerade noch so an mir vorüber gezogen waren.

Also las ich „Die Liebe als Passion“ und begegnete dem Begriff „symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium“ zum ersten Mal. Systemtheoretisch ist die Liebe nämlich ein solches. Und diese Begegnung lässt sich – um es mal ganz pathetisch auszudrücken – mit einem Erweckungserlebnis vergleichen. Ich bin mir nicht sicher, was das über mich aussagt. Oder über die Liebe. Oder über die Systemtheorie.

Für das, was ich hier kommunizieren möchte, genügt es aber festzustellen, dass erfolgreiche(!) Kommunikation nach Luhmann vor allem eines ist: unwahrscheinlich.
Und das fühlt sich für mich nicht nur theoretisch richtig, sondern absolut wahr an.

„Romantik“ ist also (systemtheoretisch betrachtet) ein Menchanismus, der die Komplexität aller möglichen Bedeutungshorizonte und Handlungsmuster auf ein halbwegs funktionstüchtiges Maß reduziert: Kerzen in WG-Küche, Parkbank mit Sonnenuntergang, nächtlicher Spontanbesuch an Akustik-Gitarre unter Balkon? Da höre sogar ich die Nachtigall trapsen. All diese über Generationen ausdifferenzierten Muster machen es also ein klein bisschen wahrscheinlicher, dass es zwei Menschen gelingt, aus der hochkomplizierten Verstrickung ihrer Gefühle füreinander eine halbwegs funktionierende Beziehungskiste zu machen.

Gleichzeitig gelten für die romantische Liebe Individualität, Genialität und Einzigartigkeit als integrale Bestandteile. „Liebe so als wäre es das erste und letzte Mal und ihr Zwei die ersten und letzten Menschen!“ Luhmann bezeichnet diese Handlungsaufforderung als „Paradoxon“, und ich seufze: „Ja!“

Dennoch geht es mir seither – so ganz lebensweltlich und liebenspraktisch – sehr viel besser mit den romantischen Erwartungshaltungen meiner Umwelt. Ich stehe nicht mehr vor dem Dilemma vorgegebene Dialoge oder Liebesspiele überzeugend als „selbstausgedacht“ präsentieren zu sollen. Vielmehr gilt es, echte Gefühle über vorgegebene Rituale und Gesten zu transportieren. Mich so spielerisch und so kreativ wie möglich zu verkleiden, um ich selbst zu SEIN. Beim Lieben darf rezitiert werden, das ist sogar die Aufgabenstellung! Aus dem reichhaltigen Angebot kultureller Vorlagen auf genau die Filmszene anzuspielen, die dem am nächsten kommt, was man tatsächlich fühlt.

Und wenn man ganz großes Glück hat, liebt man jemanden, der dieselben Filme mag.
Dann kann Liebe plötzlich sehr einfach und selbstverständlich werden.

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