Rundblick

Rundblick

So vor etwa 20 Jahren war ich hauptsächlich damit beschäftigt erwachsen zu sein. Behörden, Bewerbungen, BaföG, Bürgerpflichten, das waren die Ungeheuer, welche es zu bezwingen galt. Meist schlug ich mich tapfer und manchmal schlug ich über die Stränge. Dann zog ich los und um die Häuser. Wahrscheinlich war der Begriff schon damals antiquiert und aussortiert, doch das war mir nicht bewusst. Auch dann war ich hauptsächlich damit beschäftigt, erwachsen zu sein und all die ungesunden Dinge zu erledigen, die Kindern und Jugendlichen zumindest von Gesetzes wegen versagt waren. Denn ich war endlich volljährig. Aber ich war noch nicht alt. Und so verstörte es mich, wenn ich unter Gleichsortierten auf alte Menschen traf. Menschen zwischen 30 und 40 oder noch älter. So alt jedenfalls, dass sie meine Eltern hätten sein können. “Berufsjugendliche” schrieb man damals und “alter Sack” dachte ich. Ich traf sie – wenn auch vereinzelt – auf Parties und in Vorlesungen, in Kneipen und WG’s. Und ich war mir sicher, dass da irgendwas sehr schief gelaufen sein musste für sie. Erst recht, wenn sie mit Erwachsenen meiner Generation im Bett landeten.

So vor etwa 10 Jahren war ich dann hauptsächlich damit beschäftigt, beschäftigt zu sein. So wurde ich mir selbst zu einem Ungeheuer, welches es zu bezwingen galt. Meist schlug ich mich tapfer und manchmal schlug ich fehl. Dann zog ich mir die Decke über den Kopf und war damit beschäftigt überfordert und hilflos zu sein.

Jetzt bin ich alt. Jedenfalls bin ich bald 40, fühle mich auch so und sehe auch so aus. Manchmal ziehe ich jetzt wieder los und schlage über die Stränge. Und in Gedanken nenne ich mich dann “alter Sack”, weil ich keinen weiblichen Begriff zur Hand habe, der mir und zu mir passt. Und wieder gilt es Behörden, Bewerbungen, Bürgerpflichten zu bezwingen. Überhaupt ist vieles ist wieder so wie mit 20. Seit dem ist etliches gut für mich gelaufen, einiges schief und manches gar nicht. Wirklich verändert hat sich nur meine Vorstellung, es gäbe eine lineare Entwicklung. Ein Ziel, das es zu erreichen oder zu verfehlen gilt. Das hab ich mir abgeschminkt. Natürlich gibt es auch in meinem Leben einen roten Faden. Doch der ist keine straff gespannte Leine. Eher ein locker zusammengeknüddeltes Häufchen, das sich bequem in die Hosentaschen stecken lässt. Zum Glück. Denn niemals werde ich so alt sein, dass ich mein Zeug in einer Handtasche herumtrage.

Das überlasse ich denen, die heute 20 sind.

Foto: Tom Corner (CC BY-NC-SA 2.0)

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