Sichere kleine Welt, verzweifelt gesucht

Sichere kleine Welt, verzweifelt gesucht

Der folgende Text war eigentlich als Kommentar zur „Wahl der Entmachteten“ von Frau Nessy gedacht, ist dann aber ausgeufert, vom Thema abgekommen und hier gelandet.

Schaut man aufmerksam hin, ist es nicht überraschend: dieses Rücken nach Rechts, das Suchen nach Extremen, der Wunsch nach jemandem, der die sichere, kleine Welt ins eigene Leben zurückholt. In den USA nicht, und hier in Deutschland auch nicht. Es ist die Summe kleiner Niederlagen, die viele Menschen hinnehmen müssen – und es ist der Finger, der nach jeder Niederlage auf sie zeigt: selbst schuld … [weiter]

Ist es nicht erstaunlich, dass die Idee der Eigenverantwortung nicht als persönliche Freiheit sondern als Schuldzuweisung verstanden wird?

Selbstverständlich ist das Verhältnis vom Durchschnittsgehalt zum Einkommen des Bankvorstandes himmelschreiend ungerecht – das Verhältnis zum Lohn des chinesischen Foxconn-Arbeiters aber auch, dessen Wertschöpfung es erst möglich macht, dass mein Stundensatz für computergestütztes Design ein Fünffaches von dem beträgt, was mir kreative Dienstleistung einbrächte, wenn ich Haare, Torten oder Fingernägel in Form brächte.

Die Arbeitsbedingungen meiner Freiberuflichkeit erlebe ich persönlich als Privileg der Entscheidungsfreiheit – SpOn nennt sie „Preiskampf digitaler Tagelöhner mit Fernost“. Vielleicht ist es also doch nicht nur eine Frage der wirtschaftlichen und politischen Umstände, sondern auch eine der persönlichen Einstellung, ob ich mich als „digitales Prekariat“ ausgebeutet fühle und AfD wähle oder mich für ein Glücksschwein halte? Ist es möglicherweise dasselbe Gespür für soziale Ungerechtigkeit, das die einen zu Wutbürgern und die anderen zu Gutmenschen macht?

Mal ganz anders gedacht: Nicht der gesellschaftliche Status sondern die Übereinstimmung von persönlichen Werten und gelebter Existenz lässt Menschen (zumindest mich) zufrieden sein. Darum hat eine Gesellschaft, die mit „Werten“ nur Konsumgüter assoziiert, leider keine Zufriedenheit im Angebot. Für niemanden. Auch für den Bankvorstand nicht, der zwar ausufernd konsumieren aber niemals alles haben und für immer behalten kann. Und DAS ist tatsächlich kein persönliches Problem, sondern ein gesamtgesellschaftliches Dilemma.

Denn wenn das grundlegende Lebensgefühl ALLER (also auch der sogenannten Leistungsträger) eine Erfahrung der Abhängigkeit, des Mangels und der Angst ist, wenn sich JEDER(R) unzureichend und überfordert fühlt, wenn uns nicht nur die Werbung, sondern auch das teuer bezahlte Persönlichkeits-Coaching suggeriert, dass wir viel besser sein müssten als wir sind … dann war’s das mit Solidarität. Dann war’s das auch mit den Linken, deren Kernversprechen – das Wohl Aller – ohne Solidarität nicht zu denken und nicht zu haben ist. Und über kurz oder lang war’s das dann auch mit dem Sozialstaat.

Dieser Jemand, der mich ewig Kind sein lässt, „der die sichere, kleine Welt ins eigene Leben zurückholt“, kann ich nur selbst für mich sein und darauf hoffen, dass ich nicht ewig um mich selbst zu kreise, sondern über meinen Tellerrand hinaus komme. Hoffen, dass es mir irgendwie gelingt trotz aller Niederlagen und Widrigkeiten erwachsen zu werden. Hoffen, dass mir Freunde bleiben, die bereit sind, ihre kleine Welt mit meiner zu teilen, um füreinander einzustehen: Diese alte, linke Utopie also, die freiwillige Solidarität einer unsicheren und unfairen großen Welt gegenüberstellt, in der wir nun mal alle leben – auch wenn wir vielleicht lieber die Augen verschließen und wutschnaubend aufstampfen würden, weil wir nicht immer sofort alles kriegen, was wir wollen.

Und auch wenn ich im Umgang mit Frustrationen eher zum Kopfindensandstecken als zu Tobsuchtsanfällen neige: Natürlich passt mir dieser Schuh – oder vielleicht eher diese Stoppersocke – ebenso gut wie Thomas Mustermann.

Foto: Carlos G. Casares (CC BY-NC 2.0)

Tweet about this on TwitterShare on Google+Share on FacebookEmail this to someone

Flattr this!