Was mit Menschen

Was mit Menschen

Wussten Sie als Kind, was Sie später einmal werden wollten?

Ich nicht.

Aber ich wusste schon sehr früh und sehr sicher, was ich auf gar keinen Fall werden wollte: Psychotherapeutin oder Sozialarbeiterin.

Auf kar keinen Fall.

Die Heftigkeit, mit der ich mich dagegen verwehrte, später einmal etwas „mit Menschen“ zu machen, stieß vielfach auf Verwunderung. Auch bei mir selbst. Schließlich musste ich zugeben, dass mir das irgendwie lag. Das mit Menschen. Besser gesagt: Das mit Problemmenschen.

Manchmal folgte der Verwunderung über mein überraschend entschiedenes „Nein!“ also die Frage nach dem Grund. Dann lang meine Antwort bereits mit angespitzten Lauten auf der Zunge. Wie Pfleile auf einem bis auf’s Äußerste gespannten Bogen:

Ich kann die Verantwortung für das Leben eines anderen Menschen nicht tragen.

Was ich nicht sagte, aber sehr wohl damit meinte:

Niemand kann die Verantwortung für das Leben eines anderen Menschen tragen. Man kann die Verantwortung übertragen bekommen.
Man kann sie und damit sich selbst übernehmen.
Man kann unter ihr zusammenbrechen.
Man kann sie verweigern oder vor ihr davon laufen.
Aber man kann sie nicht tragen.

Ich wusste nicht, woher ich das wusste und was das mit mir zu tun hatte.
Aber es war ein Wissen, das keine Widerrede duldete und mit erhöhter Temperatur in meinen Schläfen pochte.

Letztlich hab ich dann also was mit Problemen statt mit Problemmenschen gemacht. Mit technischen, kommunikativen und organisatorischen Problemen. Für Menschen ohne Probleme. Zumindest ohne psychosoziale Probleme. Zumindest bin ich für die nicht zuständig. Zumindest meistens.

Darüber hinaus habe ich sehr verantwortungsvoll und professionell arbeitende Menschen in sozialen und therapeutischen Berufen kennengelernt. Ich habe dabei verstanden, dass es gar nicht notwendig ist, die Verantwortung für das Leben der Patienten oder Klienten zu tragen. Dass es nicht nur unmöglich sondern auch falsch ist.

Trotzdem ist die Kuh noch nicht vom Eis.

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